2011
2009
Ein Artikel über unsere Arbeit aus der Zeitschrift "agrarkids" vom Mai 2009.
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Bodenaktionstag im Ev. Dekanat Wetterau am 01.06.2008
"Boden für die Urenkel"

„Hier sind wir schon in der Eiszeit“. Rainer Vogel steht in einer 1,70 m
tiefen Grube inmitten eines Büdesheimer Weizenfeldes und deutet auf eine
gelbliche Bodenschicht unterhalb des dunkelbraunen Mutterbodens. Mit dem
Taschenmesser hebelt er eine Handvoll Erde auf die mitgebrachte Schaufel, gibt
dann einige Tropfen Salzsäure darauf, es zischt und brodelt. Die Salzsäure
reagiert mit dem Kalk in der Erde - ein Zeichen dafür, so erklärt Vogel den
Umstehenden, dass wir es mit Löss dem Ausgangsmaterial für die Parabraunerden in
unserer Region zu tun haben.
„Boden für die Urenkel“ lautete das Motto,
unter dem das Evangelische Dekanat Wetterau und die Büdesheimer Evangelische
Kirchengemeinde am vergangenen Sonntag zu einem Bodenaktionstag eingeladen
hatten.
Vogel ist Sachverständiger für die Bodenschätzung, nach der seit 1934 die
Qualität von Ackerböden aus Gründen der Steuergerechtigkeit bewertet wird. Nun
begeht er mit rund 80 Besuchern und zwei weiteren Experten in drei Gruppen die
Löcher, die die Veranstalter unter tätiger Hilfe der Konfirmanden an den
Vortagen ausgehoben haben. Eines ist allerdings schon wieder voller Wasser -
kein Wunder, hier sollte in der Auelandschaft ein „Gley“ gezeigt werden, der
eben durch das hochstehende Grundwasser geprägt ist. Auch rund um die Bodengrube
bekommen die Besucher nasse Füße - Bodenunterschiede sieht man nicht mehr - aber
dafür einen Frosch.
An der zweiten Grube jedoch sind die Erdschichten
deutlich zu erkennen. Oben der dunkelbraune humusreiche Mutterboden, darunter
eine gelbliche Schicht Löss. Vogel zeigt, dass die Wurzeln des Weizens 1,5 m
tief hinunter reichen. Rund 200 l Wasser kann solch ein Boden pro Kubikmeter
speichern. Da kann der Weizen gut wachsen.
Die Feldbegehung war der Höhepunkt des Bodentages - begonnen hatte er mit einem Gottesdienst in der gut besetzten Büdesheimer Kirche, den Pfarrer Ernst Rohleder im Team mit fünf Kirchenvorstehern vorbereitet und gestaltet hatte. Die Erde nicht nur bebauen, sondern auch bewahren - das war das Kernthema der Predigt. Der Mensch habe auch eine Verantwortung gegenüber der Erde, nämlich die, ein Gleichgewicht herzustellen - zwischen Landschaft als Erholungs- und als Verkehrsraum, zwischen Landwirtschaft und Industrie - und weitergehend auch zwischen den reichen und den armen Ländern der Erde.

Im Anschluss bot der Vortrag von Geograf Achim Meisinger vom Regierungspräsidium Gießen harte Fakten und gleichzeitig Bilder zum Träumen: Wer hätte gedacht, dass in grauer Vorzeit Krokodile und Haie sich in Büdesheim tummelten? Dass man vor rund 250 Millionen Jahren, von Büdesheim, das am Rande des bis zu 4000 m tiefen Pirmasenser Beckens lag, bis zum Mittelmeer hätte segeln können? Welchen Schatz uns dieser Zeitraum der Erdgeschichte hinterlassen hat, machte Dr. Maren Heincke vom Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche deutlich. Sie ist Agrarexpertin und erklärte den rund 100 Teilnehmern der Informationsveranstaltung die Besonderheiten des Wetterauer Ackerbodens. Besonders ist dieser Boden in der Tat - nur an ganz wenigen Stellen in Deutschland ist die Erde fruchtbarer. Das liegt am Löss, feiner Gesteinsstaub, der in der Eiszeit von den Alpen bis in die Wetterau wehte und sich dort in meterdicken Schichten ablagerte. Daraus entstand die so genannte „Parabraunerde“ die sich durch hohe Wasserspeicherfähigkeit, gute Durchlüftung und Nährstoffreichtum auszeichnet. Schon im Mittelalter galt die Wetterau darum als „Kornkammer des Reiches“.
Doch heute werden von diesem wertvollen Boden allein in der Wetterau täglich
6000 - 7000 qm bebaut und versiegelt, so Peter Nickel, Referent für
gesellschaftliche Verantwortung im Evangelischen Dekanat Wetterau und Initiator
der Veranstaltung. 100 Jahre braucht die Natur, um einen Zentimeter fruchtbaren
Humusboden zu erzeugen - nur wenige Stunden braucht der Mensch, um ihn zu
zerstören.
Wo noch vor wenigen Jahrzehnten vor den Toren Frankfurts nachts
die Dörfer nur als kleine Lichtpunkte zu erkennen waren, sieht man heute ein
Lichtermeer, das sich amöbenhaft ausbreitet. Boden ist jedoch eine begrenzte
Ressource - darum will die Evangelische Kirche in der Region darauf aufmerksam
machen, mit welchem besonderen Schatz wir es in der Wetterau zu tun haben. Peter
Nickel hofft, dass die Veranstaltung dazu anregt, diesen Schatz besser zu hüten.
Dass mehr Brachflächen innerhalb der Gemeinden genutzt werden, statt immer neue
Gewerbeflächen auszuweisen - oft ohne jede Rücksicht auf den landwirtschaftlich
wertvollsten Böden.
Nickel wünschte sich, dass der Bodenaktionstag für das Thema sensibilisieren
konnte und mehr Menschen künftig auf den sorgsamen Umgang mit einer kostbaren
Ressource achten, so dass auch unsere Urenkel noch den Weizen in der Wetterau
wogen sehen. Und er gab darüber hinaus seiner Hoffnung Ausdruck, dass man solche
Veranstaltungen noch in möglichst vielen anderen Gemeinden in der südlichen
Wetterau durchführen kann.
Annegret Rach, Ev.
Öffentlichkeitsarbeit Dekanat Wetterau